Der hochsensible Balanceakt zwischen Lockdown und Öffnung

Das Forum “Denk-Revolution” war geprägt von einer kritischen Würdigung der aktuellen Diskussionen rund um die Lockerung des Lockdown und die Frage welche Grundrechte wann und unter welchen Umständen welches Gewicht haben sollten. Wir waren uns alle bewusst, dass diese Krise und sie bedingende Faktoren einer extremen Entwicklung-Dynamik und Erkenntnis-Dynamik unterliegen, zu denen es keine gesicherten Fakten gibt. Was heute als passend oder richtig angesehen wird, kann morgen überholt sein. Darauf beruhen auch unsere Sichtweisen.

“Die Regierungen haben mit dem Lockdown hohe Akzeptanz und Disziplin in der Mehrheit der Bevölkerung erfahren. Jeder war besorgt um Leib und Leben. Nunmehr ebben die Infektionsketten belegt ab und es muss Zug um Zug eine Wiederöffnung des wirtschaftlichen Lebens geben, ansonsten verspielt eine Regierung jeden Rückhalt in der Bevölkerung. Die Sorge um das wirtschaftliche Überleben ist nunmehr mindestens ebenso wichtig wie Leib und Leben. Denn fehlende wirtschaftliche Existenzfähigkeit bedeutet auch eine Gefahr für das Leben. Worin liegt also die “Würde des Menschen” und welchen Preis gilt es wofür zu bezahlen?”

Ich persönlich sehe diesen Balanceakt als entscheidend für die Stimmung und Akzeptanz alles bisherigen! Die bisherige Einmütigkeit in der Frage des Krisenmanagements steht auf der Kippe.

Warnen möchte ich aber davor zu glauben, eine Verhältnismässigkeitabwägung sei einfach schon gar nicht, wenn es um die Abwägung von Würde des Menschen, Leib und Leben und wirtschaftlichen Profit geht. Wenn ich sehe, wie viele “Unternehmen” der Spaßgesellschaft der letzten Dekade mit Produkten und Leistungen Geld verdienen, die keinerlei nachhaltigen Nutzen und Wert schaffen und die nun in die Knie gehen, weil Corona der katalysiernde Richter über ihre gesellschaftliche Sinnhaftigkeit ist, dann sind diese und auch die Arbeitsplätze derer, die sich in deren Dienst stellten, sicher nicht vorrangig vor dem Leben.

Jedes Leben endet wahrgenommen immer zu früh und ist oft nicht “ausgelebt”. Wer also kann sich von außen anmaßen darüber abzuwägen, wann ein Leben gelebt ist und wann es nicht mehr erhaltenswert ist?

Dennoch: Können wir diese Indifferenziertheit weiter hinnehmen? Bilden Sie sich eine Meinung:

>>> Originalauszügen aus der Ioannidis / Stanford – Arbeit

>>> Dr. Ferdinand Wegscheider im Gespräch mit Prof. Dr. Sucharit Bhakdi


Ein weiterer entscheidender Balanceakt ist die offene Staatskasse. Hier wird ungeprüft das Füllhorn ausgeschüttet: Wer am größten ist, am lautesten schreit und die stärkste Lobby hat, bekommt – egal ob er für die Zukunft mit seinem Geschäftsmodell lebensfähig ist oder nicht. Wer jetzt die Staatskasse nicht bewacht, verliert auch jede Legitimation und Rückhalt.

Die Diskutanten waren auch der Überzeugung, dass die Corona-Krise in einigen Bereichen große Disruptionen hervorrufen wird, vor allem in der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Auf der anderen Seite waren wir nicht der Überzeugung, dass Menschen sich grundlegend ändern wie derzeit so leicht behauptet wird. Vieles wird – auch im und zum Schlechten – in alte Gewohnheitsfahrwasser zurückkehren. Der Mensch gibt ungern seinen Gewohnheits- und Besitzstand auf und (vorübergehendes) Gutmenschentum hat oft auch einen sehr egoistische Hintergrund.

In der NZZ vom 28.04.2020 sagt Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in einem Interview über Corona: «Ich wundere mich, mit welcher Sicherheit manche einen Epochenwechsel ausrufen. Die Routinen werden sehr schnell wiederkommen». Die Bürger, sagt er im Gespräch, hätten den Lockdown sehr gut ausgehalten, erst mit der Debatte über Lockerungsmassnahmen sei Unruhe entstanden. Dass sich durch die Pandemie grundsätzlich etwas ändern wird, glaubt er nicht: Gesellschaften seien träge. Seine Sichtweise deckt sich mit der gestern Abend in der Runde vertretenen.

Hier ein Zitat-Auszug aus dem lesenswerten Interview von Hansjörg Müller, Anna Schneider 28.04.2020, 05.30 Uhr (Quellenlink oben):

Herr Nassehi, in Ihrem neuesten Buch beschäftigen Sie sich mit der Protestkultur. Warum gibt es gegen die Einschränkungen im Zuge der Corona-Epidemie eigentlich kaum Proteste? Ist das ein Zeichen von Einsicht in Notwendigkeiten oder eher von geistiger Trägheit und Obrigkeitshörigkeit?

Die Leute sind einsichtig, weil sie sehen, dass es um Leben und Tod geht. Protest ist kein Selbstzweck. Er entsteht immer dann, wenn die Protestierenden feststellen, dass ihre Belange in den klassischen Institutionen der Gesellschaft wie Parlamenten oder Gerichten nicht angemessen gewürdigt werden. Bezüglich der Lockdown-Massnahmen muss man sagen, dass es wahrscheinlich gar keinen Anlass für Protest gab, weil tatsächlich nur sehr wenige Bürger das Gefühl hatten, dass dort unangemessene Massnahmen etwa aus Herrschsucht beschlossen worden seien.

Könnte es mit dieser Ruhe vorbei sein, wenn die Massnahmen längere Zeit andauerten? Wie lange lassen sich derartige Einschränkungen aufrechterhalten?

Wir erleben zurzeit die sehr paradoxe Situation, dass die Leute den Lockdown eigentlich sehr gut ausgehalten haben, solange man nicht über den Exit gesprochen hat. Irgendwann musste die Politik über Ausstiegsszenarien reden, weil die Massnahmen in Deutschland bis zum 19.?April terminiert worden waren. Mit den ersten Lockerungsmassnahmen entstand eine Unruhe, die vorher nicht da gewesen war.

Glauben Sie, dass es Widerstand gegen eine Lockerung der Beschränkungen geben könnte, weil manche nun Angst um ihre Gesundheit haben?

Interessant ist jedenfalls, dass erst jetzt Protestpotenzial entsteht. Viele meinen, sie seien bei den Lockerungen nicht angemessen berücksichtigt worden, andere sagen, wir müssten den Lockdown eigentlich noch ausweiten, und wieder andere behaupten, all die Einschränkungen wären ohnehin gar nicht nötig gewesen. Was wir nun sehen, sind Zielkonflikte: Einige Virologen meinen etwa, wir sollten mit den Lockerungen noch drei Wochen warten. Andere entgegnen darauf, wenn wir dies tun würden, würden bald schon ökonomische Strukturen verschwinden, die wir nie mehr wiederaufbauen könnten. Und all diese Stimmen haben aus ihrer jeweils eigenen Perspektive recht.

«Wir erwarten von der Wissenschaft eindeutige Sätze und stellen nun fest, dass diese Eindeutigkeit nicht herzustellen ist. Es gibt sogar Virologen, die sich widersprechen.»

Könnte die Krise den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern? Erstmals seit langem gibt es wieder ein grosses Thema, über das alle reden.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt – das ist mehr ein Wunschbild als etwas, womit man rechnen kann. Es entstehen ohne Zweifel Solidarität und Hilfsbereitschaft, aber auch eine Konkurrenz um die Frage, wer die am stärksten Betroffenen der Krise sind. Hier muss man sagen, dass die Gesellschaft auch in dieser Ausnahmesituation mit ähnlichen Mitteln reagiert wie sonst auch. Konkurrenz und Zusammenhalt, Solidarität und individuelle Interessen – all das kommt stets gleichzeitig in komplexen Konstellationen vor.

Um noch einmal auf die Protestbewegungen zurückzukommen: Was bedeutet Corona für bestehende Bewegungen? Werden manche von ihnen verschwinden?

Das glaube ich nicht, ganz im Gegenteil. Gesellschaften sind träge, sie ändern sich in und nach Katastrophen nicht grundlegend. Die Routinen werden sehr schnell wiederkommen, wenn diese Krise vorbei oder zumindest leichter beherrschbar ist. Und insofern wird natürlich auch der Protest wiederkommen. Natürlich werden sich manche Inhalte ändern, aber die Struktur von Protest wird die gleiche bleiben.

Sie erwarten nicht, dass sich die Gesellschaft durch die Krise grundlegend verändert. Kapitalismuskritiker, die auf den grossen Systemwechsel in der Wirtschaft hoffen, werden also enttäuscht werden?

Davon ist auszugehen. Viele sagen jetzt, das sei ein ordentlicher Schlag gegen den Kapitalismus. Aber auch das ist eine erwartbare Reaktion, die übrigens durch ein Konsumbedürfnis nach Lockerungen konterkariert wird. Ich wundere mich über manche sozialwissenschaftliche Diagnosen, mit welcher Sicherheit diese sogar einen Epochenwandel ausrufen. Ich würde dagegenhalten, dass die moderne Gesellschaft selbst innerhalb der Krise nach ziemlich gewohnten Mustern funktioniert. Jedenfalls ist kaum zu sehen, dass die Konstellationen zwischen politischen Entscheidungsformen, ökonomischem Knappheitsausgleich, rechtlich-normativen Konsistenzerwartungen und dem Management von individuellen Lebensformen sich grundlegend verändert hätte. Sie wird ziemlich gestört und herausgefordert, aber die Logik der Konflikte ist nach wie vor dieselbe.