Yacht-Rechtsberatung kein Feld für Techno-Populismus

Der Techno-Populismus hat nun auch die Rechts-Branche erfasst.

Mit ungeheurem Marketingaufwand war am 4. und 5. Dezember 2018 die „Legal ®Evolution in Darmstadt zu Gast mit dem Anspruch Kanzleien, Unternehmen und der Justiz „führende Lösungen im Recht“ zu präsentieren als „Die größte Kongressmesse für Legal Innovation in Europa mit 80 Ausstellern und Partnern, 60 Rednern und insgesamt 1.000 Teilnehmern“, der „Transformationskongress: Was Sie jetzt tun müssen, damit Ihre Kanzlei und Ihre Rechtsabteilung die digitale Transformation erfolgreich meistern“, die „Fachmesse: Die führenden IT-Lösungen und Dienstleistungen für Rechtsabteilungen, Kanzleien und Compliance-Abteilungen“ sowie die „Kongressmesse der Lösungen“.

Nun, ich war 5 Stunden dort und habe mich umgesehen und umgehört, schließlich bin ich Kanzleiunternehmer seit 1994 und war meist Pionier auf meinen Gebieten, also offen für jede sinnvolle Innovation die Nutzen und Mehrwert schafft.

Mein Eindruck: Ich habe mehr gelernt, wie man es besser nicht machen soll, als wirklich pragmatische Impulse für ein rentables und nachhaltig zukunftsorientiertes und profitables Kanzlei-Geschäft erhalten. Zu viele Nebelkerzen, Buzz-Wording ohne Substanz und digitale Traum-Tänzerei, pauschale Versprechen über die In-Words wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder auch den angeblich perfekten Smart-Contract, den man sogar rechtssicher mit ein paar Mausklicks auch ohne Juristen erzeugen können soll. Verlockender kann Unsinn nicht klingen.

1. Am 4. November war zwischen 9 und 14 Uhr nicht wirklich viel los.

Die überwiegende Mehrheit der jüngeren Besucher – ich bin seit 30 Jahren Anwalt – auf Informationsreise aber ohne Entscheidungsträgerrolle in den Ziel-Kunden-Organisationen der Aussteller und des Themas. Dem Thema fehlt irgendwie die konkrete Zuwendung mit der aus Wünschen Geschäfte werden.

2. Viele leere Stände ohne Nachfragevehemenz und vor allem einem Problem: Wenn ich vor einem Messestand stehe und es nicht schaffe, in 10-20 Sekunden zu erfassen, welchen Nutzen mir der Anbieter auf den Punkt bieten kann, gehe ich vorbei.

In einigen Fällen habe ich selbst nach einem Gespräch hinterher noch nicht gewusst, was hier wirklich angeboten wird. Es beschleicht mich der Eindruck, dass man die business-politisch etwas zurückgebliebene Legal-Branche als Geschäftsfeld entdeckt hat, aber selbst noch Nachhilfe braucht. Wie kann man dann jemanden beraten oder beliefern, ohne selbst dem Anspruch zu genügen, den man bei Legal-Kunden bewerkstelligen will?

3. Techno-Populismus wohin man schaut: Hier wird die digitale Disruption und Revolution der Legal Branche verkündet. Das gilt weder so kurzfristig noch so allgemein. Mag sein, dass in Bereichen fachlicher Einfachheit, Nicht-Komplexität oder hoher Standardisierbarkeit digitale Prozesse zeitraubende und wenig wertschöpfende Abläufe und Inhalte ablösen.

Komplexe Rechtsberatung und Gestaltung mit unbestimmten Inhalten, hoher Interpretations- und Auslegungsanforderung sowie Verhandlungskompetenz wird analog bleiben, mit digitaler Arbeitsunterstützung. Nicht mehr und nicht weniger. Blockchain, künstliche Intelligenz oder auch die Smart Contract Revolution ist für mich nicht in Kürze erkennbar. Ganz abgesehen von den gewaltigen Geldsummen, die die meisten Kanzleien z.B. gar nicht aufbringen können, um sich in diesen digitalen Orbit zu schießen oder besser, sich selbst arbeitslos zu machen.

Ein erfolgreiches Kanzlei-Geschäftsmodell braucht eine nachhaltige Positionierung am Markt, Wertschöpfungs- und vor allem Ertragslogik. Bei vielen Angeboten und Themen fehlt mir die Vorstellung dazu, das nach 16 Jahren St. Gallen als Dozent in Unternehmensführung und Strategie.

Selbst hochgelobte New-Economy Stars wie Uber oder AirBnB können nicht als Visionsblasen existieren. Uber mag mit gelegentlichen Fahrdiensten einigen Leuten geholfen haben, finanziell über die Runden zu kommen. Die Notwendigkeit, bei allein im vorigen Jahr 4,5 Milliarden Dollar Verlust, rentabel arbeiten zu müssen, zwingt das Unternehmen zu einem Geschäftsmodell, z.B. der Entledigung der Fahrer und Umstieg auf vollautomatische Fahrzeuge. Airbnb mag sich in der Tourismusbranche gegen fest eingewurzelte wirtschaftliche Interessen präsentiert haben. Doch der Zwang zu höherer Wirtschaftlichkeit zwingt das Unternehmen schon jetzt, sich mit Immobiliengesellschaften zusammenschließen, um hotelähnliche Wohnanlagen à la AirBnB im Eigenvertrieb entstehen zu lassen.

4. Von den Vorträgen hatte ich mir mehr Substanz versprochen, wirkliche Inhalte und Ansätze, weniger Werbeveranstaltungen oder plakative weniger nutzvolle Statements der Aussteller, die ob ihres Sponsorings nun auch einer der Sessions präsentieren durften.

5. Mein Fazit:

Digitalisierung wird der Legal-Branche einen deutlichen Effizienz- und Organisationsentwicklungsschub geben. Wer aber falsch aufgestellt ist und kein nachhaltig rentables Geschäftemodell hat, dem verhelfen alle Tools und Dienstleistungen nichts, außer, dass sie das evtl. schon knappe Kapital weiter verbrennen helfen. Da künstliche Intelligenz weit entfernt ist, bleibt das was aktuell und absehbar zählt immer noch den qualifizierten Input, um z.B. aus Daten echte Information zu machen, aus Informationen Wissen zu filtern und aus Wissen Resultate und Nutzen zu erzeugen. Ansonsten ist die noch so schön präsentierte Software für Vertrags-Generating oder –Management eine dumme Wolke aus Nullen und Einsen.

Ich für meinen Teil werde dort weiter digitalisieren, wo Technologie meine Arbeit unterstützt, erleichtert oder effizienter und – bei allen Investitionen – verkaufbarer und wertschöpfenden macht. Hier werden wir in Kürze bereits einige Innovationen für die Kunden vorstellen.

Wo das nicht geschehen kann, werde ich kein “first Adopter” sein und das bleiben und machen, was ich kann: Der kompetente Berater und Betreuer meiner hochkarätigen Klienten auf Augenhöhe mit nutzvollen und messbar wertigen, individuell gefertigten Dienstleistungen, die diese nicht aus dem Cyber haben wollen.

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