Der Ukraine-Krieg wird auch die Yachtbranche verändern

Noch vor einer Woche war ich das, was die meisten Leute sind – coronamüde. Es fehlen Impulse, Lebendigkeit, Gesellschaft, Anregungen, Fröhlichkeit, alles, woraus man Kraft und Kreativität zieht. Man schlafft ab, wenn all diese Quellen der Inspiration und Motivation fehlen und wird müde. Ich bin zum News-Junkie, geworden, meist Online, nach irgendeinem inspirativen und positiven Momentum suchend. Leider nur Belangloses, Saturiertheits- und Luxusprobleme, marginale Katastrophen. Nichts gegen das, was nun die Welt aufmischt.

Noch vor einer Woche hätte ich nicht wirklich gedacht, dass die Mächtigen Russlands (ich spreche nicht von Russland, denn diesen Krieg will die Mehrheit des Volkes der Russen nicht) diesen letzten Aggressionsschritt vollziehen würde. Ich glaubte an die Macht der Diplomatie und den wertebasierten Anstand. Dies geht aber nur bei synallagmatischer Bereitschaft.

Dass ein Angriff auf die ganze Ukraine in der Nacht zum 24.02.2022 im großen Stil aus vier Richtungen in die Ukraine kommen würde, dass Bomben auf Orte in der ganzen Ukraine fallen, ich hätte es nicht geglaubt.

Auf dem Boden der Tatsachen – die Selbstbestimmung von Nationen passt nicht zum imperialistischen Denken der russischen Führung und ihre innerrussischen Probleme werden zerstörerisch nach außen abgeleitet – müssen wir nun die Fakten akzeptieren und auf dieser Basis die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen, für Friede und Freiheit und die eigenen Stärke und weitgehende Unabhängigkeit.

Sanktionen, die mehr die Breite der Russen betreffen, anstelle fokussiert die Aggressoren und Kriegstreiber der Elite, führen zu nichts und werden belächelt.

Heute schreibt Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg in der WELT:

Das eigentliche strategische Ziel ökonomischer Sanktionen liegt doch darin, außenpolitische Aggressoren innenpolitisch zu schwächen. Deshalb ist es ja so richtig, wenn auch reichlich spät, dass die EU nun jene Maßnahmen ergreifen will, die auf die Mächtigen in Russland zielen. Denn nur wenn die so starken wie wirtschaftlich immens reichen Oligarchen wirklich getroffen werden, wird Kremlherrscher Wladimir Putin innenpolitisch unter jenen Druck kommen, der seine militärischen Aktionen zum Stoppen bringt. Einreiseverbote für mächtige und reiche Russen sind dabei das Eine.

Nicht nur ein Einfrieren, sondern auch die Androhung einer Konfiszierung von deren Vermögen ist das Andere. Ein Verbot für Russen, Vermögen oder Geld neu in den Westen zu bringen ist ein Weiteres. Und schließlich sind eine Enteignung russischer Aktionäre westlicher Firmen und ein Zwangsverkauf von Immobilien in russischem Besitz ein Letztes (die Erlöse könnten oder müssten zur Unterstützung einer Not leidenden ukrainischen Bevölkerung verwendet werden). Werden diese Maßnahmen ab sofort flächendeckend und rigoros durch- und umgesetzt, sind das gut gewählte Nadelstiche, die weit wirksamer Widerstände gegen militärische Aggression erzeugen als generelle Wirtschaftssanktionen.

Dies und die zu erwartenden Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg generell würden aber auch bedeuten, dass

  • ein großer Nachfrage-Faktor in der Superyacht-Branche für künftige Bauprojekte international wegfällt und einige Werften treffen wird;
  • die Option des SWIFT Ausschlusses auch für europäische Unternehmen in der Yachtbranche in laufenden Projekten mit Russen kurzfristig zu Liquiditätsnot führen kann, weil diese nicht mehr oder nur schwer überweisen können;
  • im Verkehr befindliche Superyachten russischer Oligarchen nicht oder nur eingeschränkt in westlichen Gewässern unterwegs sein werden und können; Europa, USA, Karibik etc. werden entfallen; damit entfallen aber auch alle Umsätze mit solchen Yachten für die Branche und die gesamte Infrastruktur drumherum;
  • Yachten russischer Oligarchen ggf. über den Weg der Enteignung auf den Markt kommen werden; Frankreich hat bereits verlauten lassen, Immobilien, Yachten und andere Luxusgüter russischer Eigner zu konfiszieren;
  • die extrem steigenden Energiepreise wie auch die Verfügbarkeit und Kosten für Ersatzteile werden auch für alle nicht russischen Eigner ein Wirtschaftsfaktor, der den Yachtbetrieb massiv beeinflusst;
  • die bereits vorhandenen Lieferengpässen zunehmen werden, weil die Transport- und Speditionsbranche eingeschränkt ist. Jeder dritte auf EU Autobahnen oder Bundesstraßen zurückgelegte Straßenkilometer von einem Lkw entfällt auf eine Spedition aus Osteuropa, deren Fahrer oft etwa aus der Ukraine oder Belarus stammen.

Ich bin überzeugt, dass gerade die Yachtbranche, die in den letzten beiden Jahren der Pandemie eher als Profiteur hervorgegangen ist, diese kriegerische Eskalation nun negativ zu spüren bekommt. Und das wird bis runter in den Freizeitbereich gehen, wenn schon die Tankfüllung die Urlaubskasse sprengt. Manche Yacht wird m.E. auch wieder auf den Markt kommen und der Verkäufermarkt wieder zum Käufermarkt tendieren.

Schauen wir also genau hin, was passieren wird und überlegen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das Verhalten von Russland ist irrational, aggressiv und unberechenbar. Ich bin auch der Überzeugung, dass letztlich nur das russische Volk von innen heraus diese Wahnsinnigen im Kreml stoppen und ihnen in den Arm greifen kann.

Der Überfall auf ein anderes Land innerhalb Europas zwingt uns, viele Dinge grundlegend neu zu denken und wieder zu lernen, sich mit dem Wesentlichen des (Über)Lebens zu beschäftigen. Die wesentliche Erkenntnis: Die Energiepolitik der EU hätte seit 20 Jahren anders ausgerichtet sein müssen.

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